“Sicher” ist das neue “Unsicher”

Fast alle Medien berichten heute über den “Heartbleed-Bug” in OpenSSL, etwa Heise, Golem, Spiegel Online. Sogar die Bild-Zeitung hat sich des Themas angenommen.

Leider erzählen sie nur die halbe, traurige Wahrheit. Denn der Fehler im OpenSSL-Paket dürfte nicht nur die klassischen Webserver betreffen – sondern sehr viel mehr Dienste, die auf Verschlüsselung setzen. Und die ist im Internet heute (glücklicherweise) gang und gäbe: Wenn etwa emails zwischen verschiedenen Anbietern hin- und hergeschoben werden, wird auf Verschlüsselung gesetzt; Chats (WhatsApp, iMessage) und Internettelefonie (Skype) werden kryptographisch gesichert; verschlüsselte Dateitransfers mit sftp; Cloud-Dienste, wie beispielsweise Dropbox; oder Zugänge zum Firme-Netzwerk mit VPN.

Nicht alle setzen auf OpenSSL, und so werden auch viele nicht betroffen sein. Aber genug trifft es dennoch: Einige Experten schätzen, dass zwei Drittel der Internet-Server betroffen sein könnten.

Der Fehler offenbart nun schonungslos einen Konstruktionsfehler unserer schönen neuen Computer-Welt: Weil Software-Bibliotheken, wie OpenSSL, von so vielen anderen Programmen benutzt werden, zieht ein einziger kleiner Softwarefehler immer gleich eine Lawine hinter sich her. Das ist wie beim Fahrzeugverkehr: Ein einziger Autofahrer macht einen Fehler und tausende andere stehen stundenlang im Stau. Nur, dass in der Computerwelt meistens gleich einige Millionen Menschen betroffen sind.

Computer-Experten betonen es schon seit Jahren: Das Wort “sicher” bedeutet in der Computer-Welt nicht das, was man normalerweise darunter versteht. Es bedeutet: “Ziemlich sicher”. Was nicht das selbe ist.

Damit haben in den vergangenen Jahren viele Firmen und noch viel mehr Menschen schlechte Erfahrungen machen müssen: Obwohl alles technisch mögliche dafür getan wurde, dass ein Computersystem nicht geknackt werden kann, schaffen’s gewiefte Hacker immer wieder. Teils, weil irgendwo geschlampt wurde, teils, weil ein Programmierer einen winzigen Fehler gemacht hat. Kein Wunder, dass etwa die Hacktivisten von Anon Austria sich heute vor Freude kaum noch einkriegen: Sie haben immer wieder darauf hingewiesen, dass “sicher” eben nicht “sicher” ist.

“Sicher” ist das neue “unsicher”. Man darf sich nicht blind darauf verlassen, dass ein Computersystem unangreifbar ist. Bei einigen emails oder einem geklauten Passwort mag das noch nicht so schlimm sein. Sobald es aber um wirklich sensible Daten geht, etwa um Krankenakten, die – wenn sie an die Öffentlichkeit gelangen - die Existenz eines Menschen zerstören können, hört der Spaß auf.

Wer sich darauf verlässt, dass in der heutigen Computerwelt noch irgendwelche Daten wirklich sicher sind, der irrt.

Wieso wir Journalisten uns mit #MH370 so schwer tun

Gestern Abend fragt mich ein Freund: “Hast du die neueste Theorie zu Flug MH370 schon gehört? Ein amerikanischer Pilot sagt, es war wohl Rauch im Cockpit, sie sind wahrscheinlich erstickt. Klingt plausibel”.

Ja, eh. Plausibel klingt aber im Moment praktisch jede Theorie. Seit zwölf Tagen (Stand: 19.3.14) wird nach der verschwundenen Boeing 777 gesucht, nur wirklich weitergekommen die die Suche bislang nicht. Die letzte Spur verliert sich (angeblich) irgendwo nahe der indischen Andamanen-Inseln. Kein Lebenszeichen, kein Wrack, keine Ahnung.

Und auch keine Fakten.

Für Journalisten ist das der blanke Horror. Eine ähnliche Situation hab ich schon einmal erlebt, während des Reaktorunglücks in Fukushima. Auch damals werden Informationen nur scheibchenweise herausgegeben, dementiert, uminterpretiert. Auch damals mauern die Verantwortlichen, geben nur zu, was nicht mehr abgestritten werden kann.

Wenn es keine Fakten gibt, dann wird spekuliert, so auch jetzt. Aber nur die allerwenigsten dieser Spekulationen haben Hand und Fuß. Fast alle beziehen sich darauf, was möglich wäre, aber nicht wofür es Indizien gibt (vergleiche hierzu http://jethead.wordpress.com/2014/03/19/malaysian-370-and-the-land-of-oz )

Natürlich ist es möglich, dass beim Start des Flugzeuges einer der Reifen zu rauchen begonnen hat und die Piloten daran erstickt sind (wenn auch sehr unwahrscheinlich, denn Flugzeugreifen halten mehr aus, als sich die meisten von uns vorstellen können, schließlich werden sie beispielsweise bei der Landung binnen Sekundenbruchteilen von 0 auf 300 km/h beschleunigt, gut zu sehen an der kleinen Rauchwolke, die ein Flugzeug nach dem Aufsetzen hinterlässt).

Natürlich ist es möglich, dass das Flugzeug entführt wurde, dass die Piloten sich im Radarschatten eines anderen Airliners versteckten und irgendwo in der Salzwüste landeten.

Natürlich ist es möglich, dass die Piloten suizidal waren und weit in den Indischen Ozean hinausflogen, um sich dort ins Meer zu stürzen.

Aber sind diese Theorien auch wahrscheinlich? Das wissen wir nicht. Denn solange wir nicht die geringste Ahnung haben, wo das Flugzeug ist, wo es sich jetzt befindet und damit auch nicht wissen, was sich in der Nacht an Bord abgespielt hat, sind fast alle Szenarien gleichermaßen möglich. Aber weil darüber berichtet wird, haben wir die Illusion, dass das nun der Stand der Ermittlungen sei.

Was wir tatsächlich wissen, ist nur, dass wir nichts wissen. Und dass das schon fast gewollt zu sein scheint. Experten sind erschüttert darüber, dass in einer Region, die von zivilem, von militärischem und sogar von Kurzwellen-Radar, zudem durch mehrere Militär-Satelliten, so stark überwacht wird, ein Flugzeug angeblich unauffindbar sein soll. Und dass die malaysische Regierung fast eine Woche brauchte, um die Daten ihrer Luftraumüberwachung auszuwerten; eine Aufgabe, so sagen Experten, die binnen Stunden zu erledigen wäre. Schließlich handelte es sich um eine Boeing, und nicht um einen Tarnkappenbomber mit Stealth-Technologie.

Statt die Fakten auf den Tisch zu legen, werden Nebelkerzen geworfen; ein angeblicher Experte interpretiert den letzten Sprechfunkverkehr, der angeblich ungewöhnlich gewesen sei (tatsächlich ist eine höfliche Verabschiedung die Regel, nicht die Ausnahme, wovon sich jeder etwa auf www.liveatc.net überzeugen kann). Die Behörden beschlagnahmen den selbstgebastelten Flugsimulator des Kommandanten, als wäre er etwas ehrenrühriges (dabei haben viele Verkehrs- und auch Freizeitpiloten so etwas zu Hause). Und irgendjemand meldet ein tieffliegendes Flugzeug auf den Malediven, das rot gestreift lackiert gewesen sein soll. Verdächtig!

Aus malaysischen Pilotenkreisen ist zu hören, dass die Frustration wächst – weil an sich einfache Fragen nicht beantwortet werden, weil die Information lückenhaft ist. Und weil viele sich denken: Wäre ich einer der Piloten gewesen, wäre mein Flugzeug verschwunden, würde man mich dann auch tagelang an der falschen Stelle suchen oder in einer Pressekonferenz als (unbegründet) Verdächtigen vorführen?

Wir Journalisten tun uns schwer, hier zu berichten; das Publikum erwartet Informationen über das Mysterium von Flug MH370, aber weil es nur wenige gibt, kommen wir auch an den Verschwörungstheorien und Spekulationen nicht ganz vorbei. Versuchen aber, sie nach bestem Wissen und Gewissen einzuordnen.

Aber die wirklich Leidtragenden dieser Scharade sind die Insassen – 239 Menschen – die möglicherweise noch am Leben sind; und ihre Angehörigen, die seit zwölf Tagen auf eine ehrliche Antwort warten, was in dieser Nacht über dem Golf von Thailand passiert ist.

Der Engel lügt

Ich hab’s ja nicht so mit dem Glücksspiel – bin dafür einfach zu skeptisch – aber das hat mir Spaß gemacht: Als ich gestern Abend an der Trafik vorbeikam, habe ich mir überlegt, wie groß wohl die Wahrscheinlichkeit ist, mit einem Glücklos zu gewinnen. Habe also das Geld investiert und einige der Lose der österreichischen Lotterien gekauft.

Glückslose aus der Trafik

Auszurechnen, wie hoch die Wahrscheinlichkeit für einen Gewinn ist, stellt eigentlich keine große Schwierigkeit dar – genau das macht die Lotteriegesellschaft ja auch, bevor ein neues Produkt auf den Markt kommt. Und freundlicherweise steht es auch hinten auf den Losen. Aus den angegebenen Wahrscheinlichkeiten lässt sich dann mit dem Theorem der absoluten Wahrscheinlichkeit der so genannte Erwartungswert berechnen – das ist genau der Betrag, den man durchschnittlich gewinnt – wenn man ein paar hunderttausend Lose kauft, wird man also im Durchschnitt pro Los diesen Betrag gewinnen.

Für die “Schatztruhe” etwa sieht diese Berechnung folgendermaßen aus:

  • (30/15.000.000)*30.000 Euro = 0,06 Euro
  • (50/15.000.000)*3.000 Euro = 0,01 Euro
  • (300/15.000.000)*300 Euro = 0,006 Euro
  • (5000/15.000.000)*100 Euro = 0,033333 Euro
  • usw. usw.

Ergebnis 1: Im Schnitt gewinnt man 1,15 Euro pro Los. Bei einem Kaufpreis von 2 Euro also ein Verlustgeschäft von 85 Cent. Das ist wenig überraschend, von irgend etwas wollen die Lotterien und der Staat ja auch leben.

Ergebnis 2: Beim Los “Glücksengerl” gewinnt man nur 1,10 Euro pro Los. Also 5 Cent weniger, als bei den anderen Losen Schatztruhe, Glückskäfer und Cash.

Conclusio: Der Glücksengerl lügt! Er streift ein Körberlgeld in Höhe von 5 Cent pro Los ein – das summiert sich pro Serie mit insgesamt 2.500.000 Losen auf stattliche 125.000 Euro.

Wie viel taugt das Grippemittel Tamiflu?

Eine kleine Geschichte: Eine Firma stellt ein Medikament her. Es hilft gegen die Grippe. Sie nennt es Tamiflu. Es verkauft sich wie warme Semmeln, vor allem während der Schweinegrippe-Panik im Jahr 2009 und die Firma fährt Milliarden ein.

Dann fragen einige junge Forscher bei der Firma an. Sie wollen wissen, wie gut dieses tolle Medikament überhaupt wirkt. Die Firma weigert sich, die Ergebnisse ihrer wissenschaftlichen Studien herauszurücken. Denn die seien bitteschön geheim. Im übrigen hätten doch Zeitschriften über das Mittel berichtet – könnten die Forscher nicht einfach dort abschreiben, wie toll das Mittel doch ist?

Unglaublich? Aber wahr. Seit 2009 geht es rund in der Medizin-Community. Die Forscher wollten sich das Mauern des Tamiflu-Herstellers Roche nicht gefallen lassen, und zweifelten öffentlich die Wirksamkeit des Medikamentes an: Die Wirkung sei bestenfalls moderat, die Erkrankung verkürze sich im Durchschnitt um einen einzigen mageren Tag..

Der Fall illustriert ein grundlegendes Problem: Mit “wissenschaftlichen Studien” schmückt sich jeder gerne; und jeden Tag erscheinen dutzende, wenn nicht hunderte, solcher “Studien”. Die Partneragentur parship macht es, Umweltorganisationen wie Global 2000 machen es, die österreichische Industriellenvereinigung macht es. Doch es gibt leider hunderte Tricks, solche “Studien” zu schönen. Haben Sie sich nie gewundert, wieso bei “Studien” immer das herauskommt, was der Auftraggeber damit beweisen wollte?

Deshalb gilt in der Wissenschaft die Regel, dass nichts geglaubt wird, was nicht von anderen Forschern ein weiteres Mal überprüft wurde.

Doch diese Regel kommt gerade Firmen, aber auch der Politik, gar nicht recht. Ich habe vor kurzem im ORF das erste einer Reihe von Seminaren vor JournalistInnen gehalten, das Thema: “Studien richtig lesen”. Meine wichtigste Botschaft lautete: Wenn euch jemand enthusiastisch von einer tollen “Studie” berichtet, eine Firma, eine Presseagentur, oder auch ein Forscher selbst – dann prüft immer nach, ob diese “Studie” auch wissenschaftlichen Kriterien standhält, oder ob sie nur ein netter Werbetext ist, über den man als Überschrift “Studie” gedruckt hat.

Kriterien dafür, dass eine “Studie” halbwegs ernstzunehmen ist, sind:

  • Der Artikel wurde in einer wissenschaftlichen Fachzeitschrift veröffentlicht, so dass Fachleute ihn überprüfen können.
  • Die Namen der beteiligten Autoren sind angegeben (und nicht nur irgendeine Institution, hinter der sie sich verstecken)
  • Diese Autoren haben das Fach, über das sie schreiben, auch tatsächlich studiert.
  • Es ist klar, wer die Studie eigentlich finanziert hat.
  • Es wird im Artikel offengelegt, mit welchen Methoden man eigentlich zu den Ergebnissen gekommen ist, dabei handelt es sich um anerkannte Methoden, und die Originaldaten werden auf Anfrage zur Verfügung gestellt.
  • Und: Die Autoren haben kapiert, wieso aus einer kleinen Stichprobe nicht ohne weiteres auf Alle geschlossen werden darf, und haben zumindest einige grundlegende statistische Überlegungen angestellt (z.b. ein Konfidenz-Intervall berechnet oder die statistische Signifikanz überprüft), und nicht nur auf die Schnelle ein paar Zahlen aufaddiert.

Wenn eines oder mehrere dieser Kriterien nicht erfüllt sind, dann stehen die Chancen schlecht, dass es sich um eine seriöse Studie handelt.

Meist muss man aber gar nicht so viele Kriterien überprüfen. Es reicht in den meisten Fällen schon aus, beim angegebenen Autor anzurufen, und um die “Originalpublikation aus einer Fachzeitschrift” zu bitten. Wenn man als Antwort darauf ein email mit einer schnell gestrickten Presseaussendung bekommt, weiß man auch, woran man ist. (So gesehehen übrigens bei der so genannten “Parkpickerlstudie” der Stadt Wien, die das Magistrat damals unter Verschluss hielt).

Und was kam im Fall Tamiflu heraus? Obwohl der Hersteller Roche nach öffentlichem Druck mehrfach versprochen hat, die Daten doch noch zur Verfügung zu stellen, warten die Forscher auch heute – vier Jahre nach der ersten Anfrage – noch immer darauf.

Wieso das Internet auch die Bildung revolutionieren wird

Wenn man vor dreißig Jahren etwas wissen wollte, ging man in die Bibliothek. Oder man kaufte sich einen Brockhaus für rund 3000 Euro (oder damals: 6000 Mark).

Heute konsultiert man die Wikipedia.

Das Internet hat den Zugang zu Wissen radikal vereinfacht und damit den seit Jahrtausenden (!) kulturellen Schatz allen sechs Milliarden Menschen zugänglich gemacht.

Der nächste Schritt wird sein, auch den Zugang zu Bildung zu vereinfachen. Die ersten Angebote gibt es bereits: coursera oder Udacity sind virtuelle Online-Universitäten, durch die jede(r) sich für Kurse auf Universitätsniveau einschreiben kann – und zwar (derzeit) kostenlos. Finanziert wird das ganze über Spenden, Zuschüsse, Online-Shops oder über Vermittlungsdienste: Firmen, die an guten Absolventen interessiert sind, werden – gegen Entgelt – mit besonders guten Studenten zusammengebracht.

Ich habe selbst an zwei Kursen teilgenommen, und stelle fest: Vom gewohnten Komfort des web 2.0 sind diese Angebote noch ein Stück weit entfernt. Aber sie sind nur der erste Schritt. Wohin der Weg geht? Zu einer Gesellschaft, in der Wissen und Bildung kein Privileg von Eliten mehr ist.

Wissen ist der beste Schutz.

Wie man die Lebenshaltungskosten klein rechnet

“In Wien lebt es sich billiger als in Kinshasa oder Port Moresby in Papua-Neuguinea”, schreibt Die Presse diese Woche: Eine neue Studie hat ergeben, dass die teuerste Stadt der Welt Oslo sei, danach folgen unter anderem Moskau, dann Städte in Skandinavien und in der Schweiz. Sogar Kinshasa, die Hauptstadt der Demokratischen Republik Kongo, ist demnach teurer, als etwa Wien.

Kein Grund zum Jammern also für uns Wiener? Leben die Menschen in Zürich oder Oslo tatsächlich so viel teurer, als wir?

Unsinn. Untersucht wurden für diese Analyse nämlich nicht die Lebenshaltungskosten aus Sicht der Bewohner einer Stadt. Sondern, aus Sicht von internationalen Konzernen.

Wenn diese Mitarbeiter in ein Land entsenden, müssen sie für dessen Leben aufkommen. Und das kann ziemlich teuer werden: Allein der Geldumtausch kann ziemlich aufs Geldbörserl schlagen, besonders in Ländern, deren Währung derzeit besonders stark ist (wie etwa der Schweizer Franken oder die Norwegische Krone).

In Ländern wie Kongo oder Angola kommen natürlich – sagen wir, wie es ist – noch Schmiergelder  Sonder-Gebühren dazu – und auch die besonders hohen Schwarzmarkt-Preise für alles, was für uns hier völlig normal ist, wie Wasser, Sicherheit, gesunde Lebensmittel oder Medikamente.

Ein echter Vergleich der Lebenshaltungskosten müsste natürlich aus Sicht der ganz normalen Einwohner einer Stadt gemacht werden: Wie viel bekommt ein Norweger für hundert Euro, die er verdient, im Vergleich mit einem Österreicher, der 100 Euro verdient?

Und da zeigt sich, dass die Bewohner etwa des teuren Oslo zwar tatsächlich sehr viel für Lebenshaltung ausgeben – aber gleichzeitig auch deutlich mehr verdienen, und deshalb keineswegs ärmer dran sind, als etwa wir Wiener.

Fazit: Die Meldung ist eine Ente – in Oslo, Zürich, Kinshasa oder Luanda lebt es sich keineswegs teurer, als in Wien oder Berlin – sofern man nicht als Mitarbeiter eines reichen, internationalen Konzerns dort ist, sondern als normaler Einwohner.

Stirbt die Biene, stirbt die Wahrheit

Der Streit über Pestizide, die sich angeblich als regelrechte Bienen-Killer herausgestellt haben, nimmt mittlerweile immer hysterischere Züge an. Die EU-Kommission fordert ein Verbot, einige Länder (darunter Österreich) und die Landwirte legen sich quer, und Greenpeace legt schon einmal den Trauerflor an: “Bye, bye, Biene“.

Und dann wird auch noch mit falschen Zahlen operiert. Da bekleckert sich gerade keine der beiden Seiten mit Ruhm. Umweltminister Berlakovich argumentiert mit “marginalen Verlusten”. Was genau das bedeutet, sagt er nicht.

bienen

Die Umweltschützer sind empört und werfen dem Minister vor, mit “gespaltener Zunge” zu sprechen.

bienenglobal

Der Hintergrund: Die (staatliche) Agentur für Ernährungssicherheit fordert seit mehreren Jahren die Imker auf, eine Probe einzuschicken, wenn sie den Verdacht haben, dass Bienen aufgrund von Giften gestorben sind (die so genannte Melissa-Studie). Diese Proben werden dann auf Gifte untersucht. Die AGES schreibt:

Von ca. 367.000 Bienenvölkern in Österreich wurden im Jahr 2011 bei 1.396 Bienenvölkern (0,38 Prozent) Schädigungen durch insektizidgebeiztes Saatgut nachgewiesen.

Dieser Satz ist sprachlich völlig in Ordnung, und doch irreführend: Die Formulierung klingt nämlich so, als wären nur 0,38 Prozent (und damit “marginal” wenige) Bienen durch Pestizide betroffen. Das stimmt natürlich nicht: Die 0,38 Prozent beziehen sich ja auf die positiven Proben – und da nur ein Bruchteil der Imker überhaupt eine Probe eingeschickt hat, wirkt die Zahl im Verhältnis zur Gesamtzahl aller Bienenvölker natürlich winzig.

Global 2000 schießt aber noch weiter daneben:

In der Melissa-Studie hätten sich rund 50 Prozent der 2011 untersuchten Verdachtsproben als Bienenschäden durch Neonicotinoide erwiesen.

Auch das ist – sprachlich – richtig, aber inhaltlich genauso unsinnig: Bei Global 2000 klingt es nämlich so, als wenn 50 Prozent, und damit jede zweite, Biene in Österreich ihr Leben dank Neonicotinoiden aushaucht. Das ist natürlich Quatsch: Die 50 Prozent beziehen sich hier auf den Anteil positiver Proben innerhalb der eingeschickten Proben. Aber weil die Imker ja nur dann eine Probe einschicken, wenn sie überhaupt einen Verdacht haben, ist natürlich der Anteil der tatsächlich belasteten Proben enorm hoch. (Besser wird es auch nicht, wenn dann noch Imker zitiert werden, die mit irgendwelchen Zahlen um sich werfen, die sie für richtig halten)

Wie hoch ist nun die tatsächliche Zahl der Bienenvölker, die durch Neonicotinoide geschädigt wurden? Das kann man aus der Zahl nicht direkt herauslesen. Dafür bräuchte es sinnvolle Hochrechnungsmodelle, die aus der Zahl der positiven Proben Rückschlüsse auf die Gesamtzahl der Bienen zulässt. Modelle, die es – meines Wissens nach – hier nicht gibt.

Fakt ist, dass Neonicotinoide für Bienen gefährlich sind (was nicht überraschend kommt, schließlich handelt es sich um Insektenvernichtungsmittel). Hysterisch herausgebrüllte falsche Zahlen helfen aber in der Diskussion auch nicht weiter.

Wie aus ein paar Klicks im Internet eine tolle Meinungsumfrage wird

Der Verkehrsclub Österreich VCÖ hat eine Umfrage durchgeführt – und was für eine: “Drei Viertel der Autofahrer wurden bereits durch telefonierende Autofahrer gefährdet”.

Drei Viertel? Das ist eine erstaunlich hohe Wahrscheinlichkeit. Das bedeutet: Wenn ich auf die Straße gehe und nacheinander vierzig Menschen frage: “Sind Sie schon einmal durch einen handytelefonierenden Autofahrer gefährdet worden?”, dann werden durchschnittlich dreißig (von vierzig) mit “Ja” antworten. Ich gehe viel zu Fuß, und ich habe fast mein ganzes Leben in unterschiedlichen Großstädten gewohnt, und ich bin noch kein einziges Mal auf so einen Verkehrsrowdy gestoßen. Das kommt mir angesichts dieser enorm hohen Wahrscheinlichkeit fast verdächtig vor.

Wie kommt dieser enorm hohe Anteil in der VCÖ-Umfrage dann zustande?

Das lässt sich durch ein einfaches Telefongespräch leicht herausfinden. Der Pressesprecher des VCÖ erklärt es mir am Telefon: Befragt wurden für diese Umfrage 2.100 Personen. Und zwar durch eine Umfrage auf der Webseite der Organisation. Die Ergebnisse wurden dann zusammen gezählt und – tatah! – eine schicke Umfrage präsentiert.

Einem echten Meinungsforscher stellt es bei so einem Vorgehen die Nackenhaare senkrecht auf.

Um zu verstehen, wieso, ist es notwendig zu wissen, dass Meinungsforschung eine wissenschaftliche Disziplin ist, für die man sich einige Zeit intensiv mit Soziologie, Psychologie und Mathematik auseinander setzen muss. Man muss verstehen, wie Menschen bei solchen Tests reagieren; wie man steuern kann, was sie ankreuzen (obwohl sie vielleicht etwas anderes denken). Und wie ich es vermeide, sie durch meine Fragestellung zu beeinflussen (schließlich will ich ja wissen, was sie WIRKLICH denken).  Man muss wissen, wie ich – obwohl ich nicht alle Menschen befrage (sonst würde ich ja viele Jahre für die Umfrage benötigen) – trotzdem halbwegs sinnvoll darauf schließen kann, was die anderen, nicht befragten, wohl denken. Und wie man das berechnet.

Natürlich kann ich auf meiner Homepage auch eine Umfrage durchführen. Das Ergebnis ist sicher lustig, aber es wird nur wenig mit der wirklichen Meinung der Österreicherinnen und Österreicher zu tun haben. Wenn ich wirklich wissen will, was die Menschen denken, muss ich ein paar grobe Fehler vermeiden, und dafür benötigt es eben Grips und ein bisschen Hintergrundwissen.

Nehmen wir uns die VCÖ-Umfrage einmal im Einzelnen vor:

Zuerst einmal ist auffällig, das exakt 2100 Personen an der Umfrage teilgenommen haben. Wieso nicht 2101? Oder 2099? Schließlich war die Umfrage tage- (oder sogar wochenlang) auf der Seite des VCÖ verlinkt. Bei echten Umfragen werden üblicherweise genau so viele Leute befragt, wie man benötigt, um die entsprechende Power (ein statistischer Kennwert) zu erreichen. Bei einer Umfrage im Web macht man das natürlich nicht – es nehmen so lange Leute daran teil, bis der Administrator der Seite die Umfrage für “beendet” erklärt und neue Eingaben nicht mehr verarbeitet werden. Wenn nun etwa die Zahl der Teilnehmer mitten in der Nacht die magische Zahl “2100″ erreicht hat, saß der Administrator dann neben dem Computer und wartete ab, bis exakt diese Zahl auf seinem Bildschirm erschien und beendete dann die Umfrage?

Wohl kaum. Vermutlich hat eher der Administrator entweder einige der Teilnehmer “unter den Tisch fallen lassen” (“2107 ist eine blöde Zahl, wir nehmen nur die ersten 2.100!”), um die schöne gerade Zahl zu erreichen. Oder womöglich hat er im Büro noch ein paar Teilnehmer angeworben (“Heute, 2096 ist eine blöde Zahl, könnten der Praktikant und die zwei Sekretärinnen bitte noch klicken? Und ich selbst hab ja auch noch nicht teilgenommen…”) Diese auffallend gerade Zahl ist hier ein Hinweis darauf, dass diese Umfrage eher windschief ist. (Für Statistik-Freaks: Die Wahrscheinlichkeit, dass eine so schöne gerade Zahl erreicht wird, liegt bei zehn Prozent. Das ist nicht völlig unwahrscheinlich, aber eben auch nicht rasend wahrscheinlich).

Natürlich ist es möglich, dass die Zahl der Teilnehmer zufällig so schön aufgegangen ist. Ich glaube es trotzdem nicht, weil es noch einige weitere Probleme bei dieser “Umfrage” gibt. Laut dem VCÖ haben ganz allgemein “Fußgänger” an der Umfrage teilgenommen. Nun lässt sich kaum steuern, wer an einer Umfrage dieser Art teilnimmt. Laut dem Pressesprecher wurden zwar dutzende Gemeinden in Österreich angeschrieben und darum gebeten, die Umfrage des VCÖ kräftig zu bewerben (niemand weiß, wie viele das wirklich getan haben). Ich glaube aber eher, dass der allergrößte Teil der Umfrageteilnehmer nicht irgendwelche beliebigen Fußgänger waren, sondern vielmehr die ganz normalen Besucher der Webseite des VCÖ. Der gilt hier in Österreich als der “Öko”-Verkehrsclub, also sozusagen der ÖAMTC (Deutschland: ADAC) der Fahrradfahrer. Dass sich ökologisch bewegte Menschen von Autofahrern häufiger gefährdet fühlen, als “normale Durchschnittsmenschen”, kommt mir ziemlich plausibel vor. Nur gilt diese Umfrage dann nicht für alle Fußgänger, sondern korrekt wäre die (zugegebenermaßen flapsige) Formulierung “Drei Viertel aller Ökos fühlen sich durch Autofahrer gefährdet”.

Ein weiteres Problem dieser Umfrage sind die einzelnen Fragen: die sind nicht nur so formuliert, dass klar ist, wie man antworten soll (“Ist zu hohes Tempo des Autoverkehrs ein Problem?”), oder völlig unklar (“Gibt es genügend Abkürzungen für Fußgänger” – was genau ist eine Abkürzung – etwa quer über die vielbefahrene Kreuzung?) oder falsch gewichtet: “Sind Sie beim Gehen schon einmal durch Handy telefonierende Autofahrer gefährdet worden?” Die bietet nämlich drei Antwort-Möglichkeiten, wovon zwei für “Ja” reserviert sind, und eine für “Nein”.

Allein diese ungleiche Zahl der Möglichkeiten verzerrt die Antwort: Aus der Sozialforschung ist bekannt, dass es dutzende Einflüsse gibt, die den Teilnehmer an einer Forschungsumfrage dazu bringen können, etwas anderes zu antworten, als er tatsächlich glaubt (und damit einen so genannten Bias einführen): Eine davon ist die so genannte Tendenz zur Mitte: Wenn Menschen eine lange Liste von Antwortmöglichkeiten vorgesetzt bekommen, werden sie sich – bei Abstufungen – eher in Richtung Mitte orientieren. Statt einfach mit “Ja” oder “Nein” zu antworten, ziehen es die meisten vor, mit “Ja, manchmal” oder “Nicht immer, aber gelegentlich” zu antworten. Klingt nicht ganz so radikal. Ich glaube, dass bei dieser Form der Fragestellung sich einige an der Mitte orientiert haben, auch wenn sie noch nicht ein einziges Mal wirklich von einem Handy-Rowdy gefährdet worden sind, und einfach die Mitte angekreuzt haben.

Gar nicht erwähnt habe ich bis jetzt eine eigentlich sehr zentrale Frage: Nämlich jene, ob 2.100 Menschen überhaupt stellvertretend für alle Österreicherinnen und Österreicher stehen können (können sie natürlich nicht, da vermutlich im wesentlichen ökologisch bewegte Menschen teilgenommen haben, siehe oben, aber ich will auf etwas anderes hinaus).

In der Forschung ist diese Frage das Gebiet der so genannten Inferenzstatistik. Das Grundproblem ist folgendes: Nehmen wir an, wir befragen zehn beliebig ausgewählte Menschen, ob sie verheiratet sind. Vielleicht treffen wir auf drei (drei von zehn = 30 Prozent), die verheiratet sind, und sieben (sieben von zehn= 70 Prozent), die nicht verheiratet sind. Können wir daraus nun schließen, dass dreißig Prozent aller Österreicherinnen und Österreicher verheiratet sind? Natürlich nicht. Wenn ich die Frage erneut zehn beliebigen Menschen stelle, werden vielleicht sechs verheiratet sein, und vier nicht. Beim nächsten Mal zwei zu acht, dann fünf zu fünf, und so weiter.

Wenn ich aus einer kleinen Stichprobe auf alle Menschen schließen will (die so genannte Grundgesamtheit), dann muss ich dieses Hin- und Herschwanken berücksichtigen, und zwar in der so genannten Schwankungsbreite (Statistiker sprechen etwas hochtrabender vom “Konfidenzintervall“). Die kennt man vom Wahlabend, wenn in der Hochrechnung zum Beispiel angegeben ist: “Partei xy hat in der Hochrechnung 36 Prozent, plus minus drei Prozent erhalten”. Genau diese Angabe fehlt hier. Die Schwankungsbreite lässt sich eigentlich einfach berechnen: Sie  wird hier bei ungefähr zwei Prozent liegen (wer sie exakt berechnen will, die Formel lautet 1,96*Wurzel aus(Prozentwert Mal 100 Minus Prozentwert geteilt durch Zahl der Teilnehmer Minus eins). Das ist an sich keine große Sache – plus/minus zwei Prozent hin oder her, was macht das für einen Unterschied? Kaum einen, natürlich, aber es zeigt eben, dass die Autoren dieser Umfrage  sicher nicht allzu viele Gedanken an Forschungsmethoden verschwendet haben dürften – sonst hätten sie sich solch einen groben Schnitzer nicht geleistet.

Ich könnte noch einiges weiteres kritisieren, etwa dass beim Zusammenzählen der Prozentpunkte bei der zweiten Frage nicht “100″ herauskommt (sondern 98) – was zeigt, dass hier nicht nur windschief gefragt, sondern auch schlampig gerundet wurde – aber der Punkt, auf den ich hinauswill, ist wohl auch so klar: Solche “Umfragen” haben immer genau das Ergebnis, das der Ersteller sich wünscht, und sind ein gutes Beispiel für den Unsinn, der allenthalben verbreitet wird. Schade, dass trotzdem einige meiner Kollegen diesen Quatsch mitgenommen haben (die meisten allerdings nicht, das ist ein gutes Zeichen):

http://oesterreich.orf.at/stories/2580521/

http://www.news.at/a/fussgaenger-unzufrieden

PS: Ich bin mir sicher, dass es unfassbar viele Autofahrer gibt, die beim Fahren telefonieren und damit Menschenleben gefährden – wie viele das tatsächlich sind, müsste man aber aufgrund einer seriösen Forschung herausfinden, und nicht aufgrund einer schnell gebastelten Internet-Umfrage.